| DVD+Kino : Wang Yu: Duell der Giganten DVD |
Geschrieben von Öyster-Cult am 11.05.2005 09:05 (1156 mal gelesen)
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Das Hong Kong-Kino ist schon eine erstaunliche Institution. Immer, wenn es den Anschein hat, der Patient würde ins Koma fallen, erscheint er umso eindrucksvoller wieder auf der Bildfläche. Sorgten die Martial-Arts-Epen der Shaw Brothers und Bruce Lee für internationale Aufmerksamkeit in den 60ern und 70ern, bedeuteten nach dem Absterben dieser unverhofften Popularitätswelle Regisseure wie John Woo und Ringo Lam für die nächste Generation die Initiation in die Elite der Hong Kong-Kenner in den 80ern.
Wer sich ein bisschen mit Hong Kong-Filmen auskennt, weiß aber auch, dass dort Film eine in inflationären Mengen produzierte Massenware ist, der nach der Erstverwertung keine weitere Bedeutung beigemessen wird, weshalb die Masterbänder der Filme, selbst, wenn diese noch relativ neu sind, oft in bedauernswertem Zustand den Weg in unsere Breitengrade finden. DVD sei Dank kann man jetzt, oftmals immer noch in einem Zustand nicht gerade auf der Höhe der technischen Entwicklungen, viele Martial-Arts-Klassiker neu entdecken, die selbst als abgenudeltes Videoband in der obskuren Kleinstadt-Videothek meines Vertrauens nicht mehr zu bekommen waren. Und wenn selbst die solche VHS-Bänder nicht mehr in ihrem Bestand hatten, dann sah es düster aus, denn die könnte man wohl eher beim Bäcker um die Ecke finden als bei Ketten wie Video World oder dem deutschen Videoring.
Nun kommen auch die (hierzulande) unbekannteren Werke zu Neuveröffentlichungs-Ehren, und unter all diesen eine Perle, auf die ich schon sehnsüchtig wartete. Ein Film, den man gesehen haben muss, um ihn zu glauben! Die Rede ist von „Duell der Giganten“ aus dem Jahre 1975, der von einem gewissen Jimmy Wang Yu gedreht wurde, und diesen Namen sollte man sich merken. In der Online-Film-Datenbank findet man noch eine erkleckliche Anzahl weiterer Filme, die auf sein Konto gehen, und ich mag es fast nicht zugeben, aber ich habe bisher nur diesen einen gesehen und kann mir schwerlich eine Steigerung vorstellen. Doch zuerst zur Handlung: Ein Kampfschullehrer, genannt der einarmige Boxer (dessen Darsteller jedoch offensichtlich einen Arm in seinem Wams versteckt), hatte in Notwehr die beiden Schüler eines anderen Meisters getötet, den man die fliegende Guillotine nennt. Dieses Mordinstrument ist eine an einer langen Kette befestigte Haube, in deren Innenrand kleine Messerchen ausfahren, wenn es über den Kopf eines Opfers gestülpt wird - was der blinde Meister aus großer Entfernung mit tödlicher Präzision zu erledigen pflegt. Die Kampfschule des Einarmigen steht eh schon auf der Kippe, weil die Regierung diesen auf dem Kieker hat (warum, wieso, weshalb - mit Fragen der Motivation und Logik hält sich dieser Film nicht lange auf. Um mal mit dem Werbeslogan eines jüngeren Kinofilmes zu sprechen - es werden Köpfe rollen!) Trotz der Aufregung hat dieser noch die Zeit, bei dem just von einer konkurrierenden Kampfschule (genannt „Adlerklaue“) ausgetragenen Tournier vorbeizuschauen.
Ein kampferprobter Thailänder bewirbt sich auf recht rüde Art bei dem Leiter dieser Schule um einen Tournierplatz, indem er dessen Schülern samt und sonders die Klüsen eckig tritt, was nicht viel zum eigentlichen Plot beiträgt, ich halte es jedoch für bemerkenswert, denn schließlich handelt es sich ja sozusagen nur um die Qualifikation! Wichtiger ist da schon, dass der blinde Meister inzwischen im Land umherreist, um seine Schüler zu rächen. Die Nachricht von deren Tod bekam er mittels einer Brieftaube, was mir sehr logisch erscheint, wenn man die im Stile eines viragierten Stummfilmes inszenierte Rückblende auf den letzten Kampf der Schüler und dessen letalen Ausgang einmal ansieht. Immerhin mussten sie Blindenschrift in ein Stück Holz schnitzen, ob da noch soviel Zeit war? Da der Meister nun mal nicht sehen kann, bringt er jeden um, der sich nach einem Einarmigen anhört, selbst harmlose Gäste in einem Restaurant. „Was soll mich das kümmern? Ich werde alle diese verdammten Einarmigen umbringen!“, bemerkt er dazu folgerichtig. Nach diversen breit ausgewalzten Kämpfen mit unglaublichen Figuren wie dem schnauzbärtigen Klischeemongolen oder einem Affentänzer sowie einigen blutigen Einlagen greift plötzlich die fliegende Guillotine in das Geschehen ein, da auch dort ein Einarmiger mitmischt. Wang Yu jedenfalls, unser einarmiger Boxer, flüchtet in ein Versteck und tüftelt einige schlaue Fallen aus, um der beinahe unbesiegbaren Guillotine gegenüberzutreten, doch vor dem unvermeidlichen Showdown muss er noch gegen dessen ebenso schlagkräftige Schergen antreten, unter denen sich ein japanischer Ninja und ein indischer Yogi mit einer anatomischen Besonderheit (fragt nicht!) befinden.
Jimmy Wang Yu ist ein recht grobschlächtiger Regisseur. Da wird einfach Kampf an Kampf gereiht, bis ihm wieder einfällt, dass man ja nebenbei noch eine Geschichte erzählen wollte, und warum plötzlich gewisse von weither angereiste Kämpfer mit dem blinden Meister kollaborieren, erfährt man nie. Das ist einfach so, und Punkt. Andererseits fließt viel Einfallsreichtum in die Zeichnung der Figuren, und die Steigerung der Härte der Kämpfe, ein unverzichtbarer Bestandteil eines Martial-Arts-Filmes wird gekonnt eingesetzt. Ein visueller Glanzpunkt ist der Kampf in einer Vogelvoliere, wobei die Tauben um die Kämpfer herumfliegen. Nebenbei erklärt der Film uns unkundigen Europäern den Zusammenhang zwischen einer effektiven Atemtechnik und der Überwindung der Schwerkraft in einer Szene, die einen bis in die Träume verfolgt! Ein besonderes Augenmerk legte der Regisseur offensichtlich auch auf die Tonspur, denn was dort passiert, davon hätte selbst ein Lucio Fulci geträumt. So laute „Frrrrr“s und „Chhhhhhhh“s und „Tonnnk“s habe ich noch nie gehört, im Grunde reicht hier bereits die Tonspur zur fesselndsten Unterhaltung aus. Dazu wurde ein fast reiner Elektronik-Score benutzt, der von psychedelischen Effekten nur so wimmelt.
Wohlgemerkt, der Film entstand im Jahre 1975, und ob sich dessen Macher damals schon von John Carpenter inspirieren ließen, wage ich zu bezweifeln. Zudem kann man den Titelsong eigentlich getrost dem Punk zurechnen. So etwas nenne ich visionär. Die Tonspur wird auf der DVD neben dem normalen Mono auch in einem 5.1-Upmix angeboten, der natürlich keinen richtigen Raumklang bedeutet, jedoch die Geräuschkulisse schon aufwertet. Die DVD präsentiert den Film leider in noch etwas ausbaufähiger Form. Das Master ist abgenudelt bis dorthinaus. So gibt es Stellen, in denen das Bild sehr grobkörnig erscheint, und andere, in denen das Bild sehr ausgewaschen aussieht und flackert. Wie eingangs bereits erklärt, dürften diese Einschränkungen jedoch auf das Master zurückzuführen sein. Da wird wohl jemand in Hong Kong mal etwas Geld für Restaurierungsmaßnahmen lockermachen müssen. Dafür liegt der Film erstmals in Deutschland in einer Cinemascope-Fassung vor und ungeschnitten, was einige Handlungsszenen betrifft, aber auch einige explizitere Kampfszenen, speziell im Showdown. Die geschnittenen Szenen sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen. Viele sind sehr kurz und nicht sonderlich wichtig für die Handlung, ich vermute deshalb, dass der damalige Verleiher Kopierkosten beim Umspielen auf Video sparen wollte, was öfters vorkam, und so fielen unwichtige Schnipsel der Schere zum Opfer. So fehlte in der alten Version (Vergleich mit der TV-Fassung von Pro 7, die auch auf Premiere lief) z.B., wie zu Beginn Wang Yu, der Einarmige, etwas länger hereinkommt, oder bei der Vorstellung Nai Mens dessen „Kriegstanz“, oder auch einige Tritte seinerseits an die Adresse der Tochter des Chefs der Adlerklaue, bevor ihr Vater schützend eingriff. Das Bild der TV-Version ist sogar farbstärker als das der DVD, hat jedoch natürlich kein Cinemascope anzubieten. Vergleicht man die Tonspur beider Versionen, so ist zu bemerken, dass gerade die Kampfgeräusche auf der DVD oft lauter zu hören sind, während sie mir im TV heruntergemischt vorkamen. Die Dialoge in den „neu hinzugekommenen“ Szenen sind im Original mit deutschen Untertiteln enthalten, wobei manchmal noch Satzteile wegfielen, die in der alten TV-Version noch zu hören waren.
Aus genannten Gründen möchte ich den Film einfach jedem wärmsten ans Herz legen. Egal, ob ihr HongKong-Filme im Allgemeinen und Martial-Arts-Filme im Besonderen nicht leiden könnt, egal, ob ihr deren Darsteller zu grottig oder einfach zu ungewohnt findet, dieser hier ist ein Muss! Unbedingt anschauen! Trotz des problematischen Masters gibt es für diese DVD eine unbedingte Kaufempfehlung, denn es ist kaum anzunehmen, dass plötzlich eine Deluxe-Edition mit Audiokommentar von Jimmy Wang Yu nachgeliefert wird, und außerdem ist der Film recht preiswert zu haben. Das große Plus bleibt die ungeschnittene Breitwandfassung, wozu es unter folgendem Link noch mehr Infos gibt: http://web12.dvd2web.de/duelldergiganten/duelldergiganten.htm . Erhältlich ist von Splendid in der gleichen Reihe auch der Wang Yu-Film „Wang Yu kennt keine Gnade“. In diesem Sinne: „Tragt den Verlierer hinaus!“ Morris
Wang Yu: Duell der Giganten (Flying Guillotine Vs. One-Armed Boxer) HK 1975 Regie: Jimmy Wang Yu, mit Jimmy Wang Yu, Kam Kang SPLENDID
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