| DVD+Kino : Possession DVD |
Geschrieben von Öyster-Cult am 14.11.2009 06:05 (1295 mal gelesen)
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Das junge Bildstörung-Label hat sich durch sehr hochwertige Veröffentlichungen von so eigenwilligen Streifen wie "Im Glaskäfig" oder "La Bête" quasi auf Anhieb einen guten Namen unter Filmfreunden gemacht. Schon die ersten 5 Releases zeigten, dass die Aschaffenburger mit seichter Mainstreamkost rein gar nichts anfangen können und "Possession", der seit dem 06.11. im Handel ist, untermauert diese These nachhaltig. Waren seine Vorgänger bereits alles andere als leicht verdauliche Kost, so setzt der teilweise schon enorm bizarre "Possession" dem ganzen die Krone auf und bietet reinstes Gift für Gelegenheitsseher oder Filmcharts-Konsumenten..
Der Streifen des polnischen Regisseurs Andrzej Żuławski erzählt die Geschichte von Mark und Anna, die vor den Trümmern ihrer einst so glücklichen Beziehung stehen und sich zunehmend voneinander entfremden. Als Mark erfährt, dass Anna schon seit längerem eine Affäre mit dem kauzigen Heinrich hat, gerät seine heile Welt mehr und mehr aus den Fugen und die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität verschwinden schnell. Doch auch Anna, die sich neben Heinrich noch mit einem Oktopus-ähnlichen Monster vergnügt, verliert jegliche Bodenhaftung und macht einen radikalen Schnitt mit ihrem alten Leben. Annas Besessenheit, den besagten Oktopus zu hegen und zu pflegen, und ihm zu ermöglichen, in seine endgültige Form zu reifen, reißt das ehemalige Paar und sein Umfeld in einen Strudel blutiger Ereignisse mit…
Wer jetzt aufgrund des kurzen Story-Abrisses einen Horrorstreifen vermutet, liegt nicht wirklich richtig. Zwar finden sich in "Possession" sicherlich auch diverse Versatzstücke des Genres, dem stehen aber weitaus mehr Elemente eines Beziehungsdramas oder waschechten "Kunstfilms" gegenüber, was den Fokus weg vom typischen Horror lenkt. Das Grauen findet in "Possession" viel mehr in der unglaublichen psychischen Brutalität des Miteinanders von Mark und Anna und ihrem steigenden menschlichen Verfall statt. Aus einst sich liebenden Partnern sind keifende Furien geworden, die jegliche "zivilisierte" Umgangsform verloren haben und nur noch durch Hass und Abscheu vor dem Gegenüber Motivation erfahren. Erst als eine weitaus größere Katastrophe in Form des Oktopusses über die beiden hereinbricht und Anna sich in ihrer Not an Mark wendet, findet wieder eine leichte Annäherung statt, die allerdings - und nur soviel möchte ich verraten - zu spät kommt.
Wer das "Making Of" auf dieser DVD sieht, erfährt, dass Żuławski einige autobiographische Dinge in den Film hat einfließen lassen. So gab es bei ihm im Vorfeld der Dreharbeiten selbst eine unschöne Trennung, die den nachdenklichen Zeitgenossen viel Energie kostete. Darüber hinaus macht der 68-jährige Pole keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber kommunistischen Regimen jeglicher Couloeur, was man bei jemandem, der Restriktionen am eigenen Leibe erfahren musste, durchaus verstehen kann. So waren seine noch in Polen realisierten Frühwerke der dortigen Obrigkeit ein Dorn im Auge, die es zu verbieten galt, weshalb Żuławski schließlich nach Frankreich auswanderte. Eine bessere Location, als das kalte, von einer hässlichen Mauer durchzogene, West-Berlin der späten 70er bzw. frühen 80er hätte der Visionär dann für "Possession" auch kaum wählen können. Die unwirkliche, bedrohliche Atmosphäre des Umfelds ergänzt sich perfekt mit den darstellerischen Leistungen von Sam Neill und Isabelle Adjani, die beide - und hier lasse ich keine zweite Meinung gelten - mit brillanten Performances glänzen können.
Alleine Neill (u.a. "Die Mächte des Wahnsinns" und "Jurassic Park") spielt Mark mit fesselnder Intensität und einem Wahnsinn in den Augen, dass man den Blick manchmal fast abwenden möchte, weil man der Präsenz des Akteurs nicht mehr gewachsen ist. Auch die ansonsten so bezaubernde Isabelle Adjani mutiert hier überzeugend zu einem furchteinflößenden Wesen, getrieben von Obsession und Verzweiflung. Auch wenn es wahrlich kein leichtes Unterfangen ist, sich diesen von Metaphern, religiösen Statements und philosophischen Grundsatzfragen durchzogenen Film am Stück anzusehen, schafft es Żuławski doch, eine halbwegs narrative Struktur zu liefern, um den Konsumenten nicht gänzlich zu überfordern. Mitunter trägt man aber auch zu dick auf, und läuft Gefahr, den Stempel "vor den Kopf stoßen um jeden Preis" aufgedrückt zu bekommen. Glücklicherweise passiert dies nur an 1-2 Stellen des von Bruno Nuytten erstklassig inszenierten Machtwerkes.
Meine Freundin fragte mich während des Genusses von "Possession", ob dieser Film auch eine Aussage hätte, worauf ich auf die schnelle auch keine Antwort wusste. Ich denke, eine den kompletten Streifen umspannende Grundaussage gibt es hier nicht, wer aber genau zuhört, findet im Verlauf eine Vielzahl an Statements und Denkanstößen zu den verschiedensten Themen und spätestens nach dem überraschenden Schluss macht die ganze Chose schon durchaus Sinn. Das bei solchen Kreationen gerne benutzte Totschlagargument vom wirren Kunstfilm ohne Handlung kann hier also getrost im Köcher bleiben. Vorausgesetzt natürlich, man lässt sich auf eine derartige Tour de Force überhaupt ein und legt hinderliche Scheuklappen ab!
Bildstörung präsentieren "Possession" in guter Bild- und Tonqualität (nur Englisch!) und liefern umsichtig übersetzte deutsche Untertitel gleich dazu. Als Extras findet man ein Audiokommentar von Andrzej Żuławski, den Trailer sowie eine sehr kurzweilige Dokumentation zur Entstehung des Films. Das mit ausführlichen Infos bestückte Booklet, sowie das tolle Design und der sehr edle Pappschuber bieten zusätzlich zum explosiven Inhalt weitere Kaufanreize! Toll! Stefan
Possession D/FR 1981, ca. 119 min. Regie: Andrzej Żuławski Produktion: Marie-Laure Reyre Drehbuch: Andrzej Żuławski, Frederic Tuten Kamera: Bruno Nuytten Musik: Andrzej Korzynski Mit: Isabelle Adjani, Sam Neill, Margit Carstensen, Heinz Bennent u.a.
DVD Anbieter: Bildstörung FSK: 16 Bildformat: 1,66:1 Tonformat: Englisch (DD 2.0) Extras: Audiokommentar, Dokumentation, Trailer
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