| DVD+Kino : Buster Keaton Box DVD |
Geschrieben von Morris am 26.06.2007 09:53 (663 mal gelesen)
|
Noch vor ein paar Monaten begab es sich, dass ich bei einem Händler auf dem Flohmarkt meines Vertrauens eine englische DVD des Keaton-Meisterwerkes „Der General“ sah. Nach dem Preis befragt, nannte mir der Mann einen exorbitanten Preis, wohlwissend, was für einen Schatz er da hatte. Da man aber einigen englischen DVD-Labels, genau wie manchen in unseren Breitengraden, eher weniger über den Weg trauen sollte - und auch das Cover nichts Gutes verhieß -, ließ ich die DVD schweren Herzens stehen. Und nun endlich, nach all der Zeit des Wartens, kommen auch wir Deutschen in den Genuss der restaurierten Fassungen einiger der größten Komödien aller Zeiten...
Bezüglich des Popularitätsfaktors steht Buster Keaton heutzutage wohl im Schatten seines großen Konkurrenten Charles Chaplin, dem der Übergang in die Tonfilmzeit nicht ebensolche Probleme zu bereiten schien. Chaplin knüpfte mit Filmen wie LICHTER DER GROSSSTADT (1931) oder MODERNE ZEITEN (1936) trotz oder gerade wegen seiner Verachtung für die „Talkies“ nahtlos an die früheren Erfolge an. Für Keatons Karriere katastrophal waren natürlich auch seine aufwendigen, aber gefloppten Meisterwerke STEAMBOAT BILL JR. (1928) und THE GENERAL (1927). Am Ende seiner Erfolgsperiode war ihm seine Frau davongelaufen, seine Kinder durfte er nicht mehr sehen, und exzessiver Alkoholismus gab ihm den Rest. Von dieser Erfahrung erholte er sich nur langsam wieder und rappelte sich auf, indem er in den 1940ern jeden Job annahm, den er kriegen konnte. So ist in den Extras der vorliegenden DVD-Box eine Episode der Buster Keaton Show von 1948 enthalten, die beweist, dass auch er sich eigentlich vom Stummfilmstil nur unwesentlich entfernte. In THE THREE AGES (1923) exerziert er das ewige Bäumchen Wechsel dich-Spiel des Beziehungsalltags anhand ähnlicher Figurenkonstellationen innerhalb verschiedener Zeitalter durch und parodierte dabei besonders den Klassiker INTOLERANCE (1916). Köstlich, wenn er als schmächtiger Steinzeit-Mann zusieht, wie ein Stammesgenosse seine Auserwählte einfach an ihren Haaren in seine Höhle schleift, und dann selbiges bei einer anderen Dame versucht - dumm nur, dass diese ungefähr doppelt so groß wie er ist. Keaton setzt in diesem ersten Langfilm bereits filmische Techniken ein wie Stop Motion-Tricks, mit deren Hilfe er einen Dinosaurier zum Leben erweckt, oder Zeichentrick, der aus echten Pferden stilisierte Fortbewegungsmittel macht. Als findiger Wagenlenker im alten Rom verpasst er seinem Gefährt Kufen und kann so seinem technisch überlegenen Rivalen bei einem Wagenrennen ein Schnippchen schlagen. In der Episode, die in den 20er Jahren spielt, hagelt es insbesondere Seitenhiebe auf die Prohibition. Keaton spielt seine in seiner Varieté-Zeit erworbenen akrobatischen Fähigkeiten insbesondere in der römischen Episode voll aus, wo er in einer Szene Stabhochsprung-Action problemlos meistert. Doch auch in der „Jetzt-Zeit-Episode“ ließ er sich nicht lumpen und sprang in einer Szene von einem Haus zum anderen, wobei er jedoch das andere Dach verfehlte und abstürzte. Danach war er mehrere Tage außer Gefecht, arbeitete danach jedoch den Verlauf der Szene flugs um, um sie dem spektakulären Material anzugleichen. Das Master hat teilweise schon gelitten und weist einige Problemstellen auf, die offensichtlich selbst nach der Restauration nicht mehr zu verbessern waren.
THE COLLEGE von 1927 entstand, als Keaton nach seinen Höhenflügen schon wieder mit diversen Problemen zu kämpfen hatte. Zusätzlich zu seinen familiären Problemen musste er nun auch bei den Filmdrehs Produktionsleiter und dergleichen erdulden, die seine Filme nach dem Flop von DER GENERAL (ebenfalls 1927) auf kommerzieller Linie halten sollten. So wurde der Film ein handwerklich recht zahmes Teil, das sich streng an die bereits von anderen College-Filmen vorgegebenen Strukturen hält, besonders THE FRESHMAN (1925) von Harold Lloyd, die beinahe unverändert bis heute noch gültig sind. Keaton spielt einen Bücherwurm, der an seinem College ziemlich unbeliebt ist. Da er seine Angebetete nur zu beeindrucken vermag, wenn er auch seinen Körper mehr im Griff hat, meldet er sich bei einem Sportler-College an. Dort muss er zunächst feststellen, dass er eigentlich keine einzige Sportart beherrscht. Nach einer (gerade so) erfolgreich bestandenen Ruderregatta kommt die große Bewährungsprobe, als er sein Mädchen gegen seinen vierschrötigen Rivalen verteidigen muss und dabei alle Sportarten erfolgreich absolviert, deren er zuvor nicht mächtig gewesen war. Das einzig ungewöhnliche an COLLEGE ist das für eine Komödie beinahe düstere Ende, das das glückliche Paar im Schnelldurchlauf beim gemeinsamen Altwerden und Dahinscheiden zeigt. Das verwendete Master ist diesmal größtenteils frei von Fehlern, so dass man den Film in einer schönen Version zu sehen bekommt.
STEAMBOAT BILL JR. (1928) wurde der größte Flop in Keatons Karriere. Tja, so kann sich das Publikum täuschen. Verstehen kann man das nämlich nicht so ganz, sieht man sich den Film heute an. Temporeich erzählt er die Geschichte von William Canfield Jr., der seinen Vater nicht mehr gesehen hat, seit er ein kleines Kind war. William 'Steamboat Bill' Canfield Sr. ist nämlich ein kerniger Mississippischiffer alter Schule - nur sein Schiff, die „Stonewall Jackson“, das ist schon ein wenig altersschwach und darum ständiges Ziel des Spotts seines größten Rivalen. Da passt es ihm natürlich überhaupt nicht, dass sich sein Sohn als ein total verweichlichtes Stadtkind herausstellt, der sich zu allem Überfluss auch noch in die Tochter ebenjenes Rivalen verguckt. Böser Faupax. Nachdem sich der Zögling als untauglich zur Übernahme der Stonewall erweist, soll er von dem grantigen Alten schnell wieder abgeschoben werden. Als der Vater wegen Störung der öffentlichen Ordnung in den örtlichen Knast wandern soll - er setzte sich gegen die Stilllegung seines Kahnes zur Wehr - schlägt die Stunde von Junior: Seine Befreiungsversuche fallen ausgerechnet mit einem großen Sturm zusammen, der für komplettes Chaos sorgt. Schon bald muss Junior nicht nur seine Flamme, sondern auch noch seinen Vater retten...
In diesem Film gibt es einige sehr waghalsige Stunts zu bestaunen. Auf dem ganzen Set wurde Wind durch sechs Flugzeugmotoren erzeugt, die einmal sogar einen LKW in den Fluss gedrückt haben sollen. Während der Dreharbeiten an der aufwendigen Sturmsequenz dürfte sich Keaton einige Blessuren eingefangen haben, denn er bekam so einige Kartons und Kisten ab. Ein Stunt, der sogar den größten Teil des Filmteams vom Set vertrieben haben soll, war die herabfallende Häuserwand, die passgenau über Keaton einstürzen sollte. Dazu musste er an einer genau markierten Stelle stehen, denn nur wenige Zentimeter daneben hätten seinen sicheren Tod bedeutet. Mit solchen Sequenzen schrieb Keaton wahrlich Filmgeschichte! Für seine Kunst ging er eben jedes Wagnis ein.
Mit DER GENERAL (1927) setzte er noch einen drauf bei der Waghalsigkeit seiner Einfälle. Da werden echte Brücken verbrannt und echte Loks zu Klump gefahren, dass es eine wahre Freude ist. Am Ende gibt es sogar aufwendige Schlachtenszenen zu bestaunen. Zwischen die spektakulären Szenen setzte er aber immer wieder kleine, leise Momente, wo er mit wenigen Utensilien ein Höchstmaß an Komik erreichte. Immer wieder hat er mit der Tücke des Objekts zu kämpfen, etwa, wenn er versehentlich einen Schuh verliert, dummerweise inmitten eines ganzen Haufen Schuhe, die er soeben aus einem Sack ausschüttete; oder, wenn er bei der Armee einen Säbel erhält, dessen Klinge bei jeder heftigen Bewegung abfällt - man ahnt die Pointe schon sehr früh, selbst mit diesem unbrauchbaren Gerät erledigt er einen Gegner. Genau seine eher realistische Darstellungsweise des amerikanischen Bürgerkriegs wurde ihm von der zeitgenössischen Kritik zum Vorwurf gemacht, der sich sehr genau an historisch verbürgte Fakten hielt und deshalb auch die gesamte Ausstattung des Filmes überwachte. Zum Vorwurf kann man Keaton jedoch höchstens machen, dass er vielleicht den Süden, besonders in STEAMBOAT BILL JR., in einem vielleicht ein wenig zu romantischen Licht darstellte. Obwohl dies nichts mit Keaton selbst zu tun hat, so wirft doch ein Trailer zu einem weiteren Mississippi- Film ein bezeichnendes Licht auf diese Einstellung, in dem gesagt wird, „..in einer Zeit, als man Steuern noch nicht kannte, als man einfach sorgenlos leben konnte.“ Eine Sorglosigkeit, die es so wahrscheinlich niemals gegeben hat.
Bei den Untertiteln der ansonsten schönen Dokumentation BUSTER KEATON RIDES AGAIN, die größtenteils am Set von THE RAILRODDER (1965) gedreht wurde, gibt es die typischen Fehler in den Untertiteln: „he..executes elaborate jokes on Adolph Zucker“...heißt nicht etwa soviel wie „..und gibt gut formulierte, praktische Witze über Adolph Zucker zum Besten..“, sondern eher soviel, dass er dem guten Adolph Zucker ein paar ganz schöne Streiche gespielt haben muss; und „Extras“ sind eben im Deutschen keine Extras, sondern Komparsen. Englisch ist doch nicht so leicht. Dafür wurden lobenswerterweise alle Extras penibel untertitelt.
Von seinen großen Klassikern fehlt in dieser Box z.B. DER KAMERAMANN (1928), der leider bereits auf einer freudlosen DVD von Warner verewigt wurde, die „nicht digital remastered wurde“ (was auf Warner-Deutsch soviel heißt wie, „der Film wird in grottiger Qualität gezeigt“) und außerdem ein selten liebloses Cover besitzt. Wer allerdings diese Box sein Eigen nennt, der wird Freudensprünge machen, denn Austattung mit Extras, Qualität der Hauptfilme und auch die Gestaltung der Menüs lassen keine Wünsche offen. Besonders erfreulich ist die großzügige Ausstattung mit Extras, die aufzuzählen hier zu weit führen würde. Frühe Kurzfilme Keatons sind ebenso vertreten wie TV-Auftritte, Zeichentrickfilme der Epoche, Trailer seiner späteren Filme, die erwähnte Dokumentation, sogar authentische Amateur-Aufnahmen von Dreharbeiten Keatons in New York gibts zu bestaunen. Über diese Edition kann der Fan nur restlos begeistert sein, über den filmhistorischen Wert brauche ich mich da wohl kaum noch auszulassen. Die Buster Keaton-Box dürfte die Rundum-Sorglos-Packung für alle Fans des unvergessenen Komikers sein, der für seine Kunst viel wagte - und viel verlor. Morris
The Three Ages USA 1923 Regie: Edward F. Cline, Buster Keaton Mit: Margaret Leahy, Wallace Beery, Buster Keaton, Lillian Lawrence, Joe Roberts, Lionel Belmore, Kewpie Morgan,Blanche Payson
College USA 1927 Regie: James W. Horne, Buster Keaton Mit: Buster Keaton, Anne Cornwall, Flora Bramley, Harold Goodwin, Snitz Edwards, Carl Harbaugh, Sam Crawford, Florence Turner, Robert Boling, Charles Borah, Leighton Dye, Paul Goldsmith
Steamboat Bill Jr. USA 1928 Regie: Buster Keaton, Charles Reisner Darsteller: Buster Keaton, Tom McGuire, Ernest Torrence, Tom Lewis, Marion Byron
The General USA 1927 Regie: Clyde Bruckman, Buster Keaton Mit: Marion Mack, Charles Smith, Richard Allen, Glen Cavender, Jim Farley, Frederick Vroom, Joe Keaton, Mike Donlin, Tom Nawn, Buster Keaton
5 DVD: Bildformat: 1,33:1 (Vollbild) Tonformat: Dolby Digital 2.0 (optionale deutsche Untertitel) DVD1 Extras: Einzelanwahl der Steinzeit-, römischen und neuzeitlichen Episoden; Einführung durch David Robinson; Bild für Bild-Analyse der finalen Verfolgungsjagd; „The Triumph Of Lester Snapwell“ (1963); „Intolerance“ (1916)-Ausschnitt; „Why They Love Cavemen“ (1921); Trailer „Toll trieben es die alten Römer“ (1965); Buster Keaton Collection-Trailer
DVD 2 Extras: Einführung; „The Buster Keaton Show“ (1949); „Candid Camera“ (1959, Ausschnitt); „Run, Girl, Run“ (1928); „Ball Park“ (1929); „Sport Chumpions“ (1941); Trailer „How To Stuff A Wild Bikini“ (1965); Buster Keaton Collection-Trailer
DVD 3 Extras: Einführung; Bild für Bild-Analyse; „Back Stage“ (1919, Ausschnitt); „One Week“ (1920, Ausschnitt); „The River“ (1938, Ausschnitt); „The Mississippi River Flood Of 1927“; Mississippi-Filme - drei Trailer; „Down South“ (1931); „Buster Keaton in New York“; Buster Keaton-Collection-Trailer
DVD 4 Extras: Extras-Tonspur mit Filmmusik Joe Hisaishis (2004); Tonspur mit Musik Robert Israels (1985); Aufnahme der Filmmusik; Der General - Die Restaurierung; Buster Keaton Collection-Trailer
DVD 5: Buster Keaton Rides Again-Dokumentation; The Railrodder (1965); Am Set von Der General; Viragierte Fassung-Ausschnitte; Orson Welles; Filmographie in Filmausschnitten; „The Return Of The General“ (1962); Trailer „In geheimer Mission“ (1956); „The Iron Mule“ (1925); „Alices Tin Pony“ (1925) 5 DVD-Set kommt in Digipack in Pappschuber inklusive Booklet
|
| |
|